AI in SAP: Vision vs. Realität
SAP spricht beim Blick in die Zukunft gerne vom „Autonomous Enterprise“: KI-Assistenten und spezialisierte Agents unterstützen Geschäftsprozesse, Joule wird zur zentralen Schnittstelle für Anwender:innen und AI funktioniert über SAP- und Non-SAP-Systeme hinweg. Doch wie weit sind wir wirklich? Ein SRB-Reality-Check in drei Akten. Heute Teil 1: Vision vs. Realität.
Hand aufs Herz: Ist für Sie der Feenstaub von KI auch verflogen? Groß war die Anfangseuphorie, doch nun setzt vielerorts Ernüchterung ein. Ja, KI hat immenses Potenzial, und nein, nicht jeder hat die Truhe des ganzen versprochenen KI-Goldes gefunden, geschweige denn gehoben.
Denn die Realität in vielen Unternehmen in Österreich heute sieht anders aus. Über Microsoft Copilot, erste AI-Piloten und einzelne produktive Use Cases kommen die meisten nicht hinaus. Insbesondere im Enterprise Business, bei historisch gewachsenen SAP-Landschaften, individuellen Prozessen, umfangreichem Customizing und teilweise klassischen Software-Plattformen wie SAP ECC scheinen die Trauben hochzuhängen.

Doch wie bringt man die klassische Enterprise-Welt und KI zusammen? Und wie weit kann SAP seine Vision bereits erfüllen? Genau hier lohnt sich aus unserer Sicht ein Reality Check.
Die Vision: AI wird Teil des Arbeitsalltags
SAP hat auf der Sapphire 2026 sehr deutlich gemacht, wohin die Reise gehen soll. Joule entwickelt sich vom klassischen Assistenten immer stärker zur zentralen Interaktionsschicht. Spezialisierte KI-Agenten sollen Aufgaben in unterschiedlichen Unternehmensbereichen übernehmen und miteinander zusammenarbeiten. SAP spricht von mehr als 40 spezialisierten Agents und über 2.400 Joule Skills über zahlreiche SAP-Lösungen hinweg.
Das langfristige Ziel: Anwender:innen sollen nicht mehr zwischen unterschiedlichen Anwendungen und Transaktionen wechseln müssen, sondern Aufgaben über natürliche Sprache anstoßen können. Joule und spezialisierte Agents orchestrieren die notwendigen Schritte im Hintergrund, um ein zunehmend autonomes Unternehmen zu schaffen.
Die Realität: Es liegt noch ein weiter Weg vor uns
So spannend diese Entwicklung ist: Der Blick in bestehende Unternehmenslandschaften zeigt, dass zu dieser Vision noch ein weiter Weg vor Unternehmen liegt. Laut DSAG-Investitionsreport 2026 nutzt derzeit nur ein kleiner Teil der befragten SAP-Kunden die SAP Business AI Platform bereits produktiv. Gleichzeitig kommen bei vielen KI-aktiven Unternehmen heute vor allem Non-SAP-Lösungen zum Einsatz, etwa Microsoft Copilot.
Das überrascht wenig. Microsoft-Technologien sind in vielen Unternehmen bereits tief im Arbeitsalltag verankert. Copilot ist deshalb häufig einer der ersten Berührungspunkte mit generativer AI. Hinzu kommt die bestehende SAP-Landschaft. ERP-Systeme wurden über zehn, zwanzig oder mehr Jahre hinweg an individuelle Anforderungen angepasst. Prozesse wurden erweitert, Eigenentwicklungen geschaffen und zusätzliche Systeme integriert. Manche Unternehmen befinden sich mitten in der S/4HANA-Transformation, andere arbeiten teilweise noch mit ECC.
Das „Autonomous Enterprise“ erscheint für viele Unternehmen deshalb nicht als der nächste Schritt, sondern möglicherweise erst als der übernächste. Das bedeutet jedoch nicht, dass Unternehmen mit AI warten sollten.
Der Weg ist das Ziel
So schön der Vergleich zwischen Vision und Realität auch ist – aus unserer Sicht wäre es zu einfach, die heutige Systemlandschaft gegen die SAP-Vision auszuspielen und das Autonomous Enterprise als „unerreichbar“ abzuschreiben. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Wie kommen Unternehmen sinnvoll aus ihrer heutigen Realität in die Nähe der AI-Vision?
Genau hier sehen wir unsere Aufgabe als SAP-Partner. Einfach gesagt: Wir müssen Unternehmen dort abholen, wo sie heute stehen, und gleichzeitig eine Architektur schaffen, die zukünftige Entwicklungen ermöglicht.
Das heißt nicht ein Autonomous Enterprise auf dem Reißbrett zu entwickeln, sondern kann beispielsweise bedeuten:
- bestehende SAP-Systeme sinnvoll einzubinden,
- Microsoft Copilot dort zu nutzen, wo er bereits im Arbeitsalltag etabliert ist,
- parallel SAP Cloud- und AI-Services aufzubauen,
- Joule gezielt in geeignete Prozesse zu integrieren,
- und Schritt für Schritt Voraussetzungen für stärker agentenbasierte Szenarien zu schaffen.
Wir sprechen dabei von einem pragmatischen Hybrid-Approach. Nicht alles Bestehende muss sofort ersetzt werden. Gleichzeitig sollte aber jede neue Investition darauf einzahlen, die Systemlandschaft schrittweise zukunftsfähiger zu machen.
Copilot oder Joule? Oder was ist hier eigentlich die Frage?
Betrachten wir mal ein einfaches Beispiel aus unserem Beratungsalltag. Was wir hier sehen, ist, dass gerade Microsoft Copilot und SAP Joule häufig als konkurrierende Ansätze betrachtet werden. Aus unserer Sicht ist diese Betrachtung für viele Unternehmen zu eindimensional.
Beide Systeme haben ihre Stärken: Copilot ist bereits dort präsent, wo viele Mitarbeitende täglich arbeiten. Joule wiederum verfügt über den SAP-spezifischen Kontext und soll immer tiefer in Geschäftsprozesse und SAP-Anwendungen integriert werden.
Spannend wird es deshalb gerade dort, wo beide Welten zusammenspielen. SAP und Microsoft arbeiten an entsprechenden Integrationsszenarien. Denn am Ende sollte nicht entscheidend sein, welcher Assistent „gewinnt“. Entscheidend ist, welche Kombination einen Geschäftsprozess tatsächlich einfacher, schneller oder besser macht.
Genau hier liegt auch eine der größten Herausforderungen der aktuellen AI-Diskussion. Zu oft hören wir heute noch die Frage: „Wo können wir jetzt überall AI einsetzen?“ Zunächst sollte einem Unternehmen klar werden, wo ein konkretes Problem besteht, bei dessen Lösung AI einen messbaren Beitrag leisten könnte.
Gehen wir also einen Schritt zurück und suchen Antworten auf einige grundlegende Fragen wie…
…Wo entstehen heute manuelle Aufwände oder Medienbrüche?
…Welche Prozesse eignen sich überhaupt für AI-Unterstützung?
…Welche Daten werden dafür benötigt und in welcher Qualität liegen sie vor?
…Welche bestehenden SAP- und Non-SAP-Systeme müssen berücksichtigt werden?
…Woran messen wir am Ende, ob die Initiative tatsächlich erfolgreich war?
Genau diese Fragen sollten vor der Entscheidung für eine Technologie stehen. Und wer die Antworten klar geben kann, wird schnell draufkommen, ob Joule, Copilot, Embedded AI, Agents oder eine Kombination daraus am besten passt.
Fazit: Schlüssige Vision, die Zeit braucht
Die SAP-Vision rund um Joule, Agents und das Autonomous Enterprise halten wir grundsätzlich für schlüssig. AI entfaltet im Unternehmenskontext den größten Nutzen, wenn sie nicht als zusätzliche Anwendung neben bestehenden Prozessen steht, sondern direkt in diese integriert wird.
Bis diese Vision flächendeckend Realität ist, wird es allerdings Zeit brauchen. Für Unternehmen bedeutet das weder abzuwarten noch jedem neuen AI-Trend sofort zu folgen. Der sinnvollere Weg liegt, wie so oft, dazwischen: Es geht darum, die Vision zu verstehen, die eigene Ausgangssituation realistisch zu bewerten und dort zu beginnen, wo heute bereits konkreter Business Impact möglich ist.
Genau auf dieser Basis lässt sich Schritt für Schritt eine AI-Roadmap entwickeln, die nicht nur auf einer guten Demo basiert, sondern auch in der Realität des eigenen Unternehmens funktioniert. Mit unserem SRB AI Discovery Service unterstützen wir Sie gerne dabei. Wie? Einfach bei mir unter ai@srb.at fragen.
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