Vibe Coding trifft SAP: Wie weit kommt man ohne klassische Entwicklung?

Künstliche Intelligenz verändert nicht nur Geschäftsprozesse, sondern zunehmend auch die Softwareentwicklung. Unter dem Begriff „Vibe Coding“ entsteht derzeit ein neuer Ansatz: Entwickler:innen beschreiben ihre Anforderungen in natürlicher Sprache, ein KI-System generiert den Großteil des Codes. Doch wie weit kommt man damit, speziell in SAP-Welten? Ein Selbstversuch. 

Moderne Dashboards und Benutzeroberflächen gehören heute zu den wichtigsten Anforderungen von Anwenderinnen und Anwendern. Das ist auch in SAP so. Gleichzeitig stoßen klassische SAP-Oberflächen oft an ihre Grenzen, wenn es um Flexibilität, Design oder schnelle Anpassungen geht.

Wenn es heute in der IT um schnell und effizient geht, ist oft der Begriff KI nicht weit. Künstliche Intelligenz verändert die Welt und damit auch die Softwareentwicklung. Vibe Coding lautet das Schlagwort, vor dem jeder Entwickler, jede Entwicklerin zittert. Doch was bei kleineren Tasks durchaus schon von Erfolg gekrönt ist, erscheint in komplexen Umgebungen wie SAP illusorisch. Oder nicht?

Um diese Frage zu beantworten, haben wir ein kleines Experiment durchgeführt: Ziel war es, ein modernes Dashboard zu entwickeln, das Daten über eine SAP-API bezieht und Funktionen eines bestehenden Maintenance Cockpits abbildet. Wie schnell lässt sich mit KI-Unterstützung ein solches entwickeln – und wie ist die Qualität?

Prompting statt Coding

Wer schon einmal mit KI in der Softwareentwicklung zu tun hatte, weiß: Der eigentliche Entwicklungsprozess unterscheidet sich deutlich von klassischer Programmierung. Anstatt Zeile für Zeile Code zu schreiben, liegt hier der Schwerpunkt auf der Formulierung von Anforderungen. Die KI braucht detaillierte Beschreibungen zur verwendeten SAP-Schnittstelle, den gewünschten Funktionen und dem Aufbau des Dashboards. Anschließend erzeugte sie eigenständig große Teile des notwendigen Codes.

Bei unserem Projekt bestand die technische Basis aus Folgendem:

  • einem SAP-System mit API-Zugriff
  • einer Entwicklungsumgebung mit integriertem Large Language Model (LLM)
  • den erforderlichen API-Metadaten
  • einer klaren Beschreibung der gewünschten Funktionen

Schon bei den ersten Versuchen zeigte sich schnell: Je präziser und detaillierter die Anforderungen formuliert werden, desto besser fällt das Ergebnis aus. Kleinere Anpassungen lassen sich häufig mit wenigen Prompts umsetzen. Für komplexere Funktionen ist jedoch eine genaue Beschreibung der gewünschten Logik und Benutzerführung entscheidend.

„Ok, kannst du die Funktion hinzufügen, mit der man für eine Meldung einen „Auftrag“ anlegen kann? Es soll ein Knopf sein, bei dem sich ein Formular öffnet, in dem man die Pflichtangaben und die wichtigsten Details eingeben kann.“


Die Ergebnisse: richtig stark und viel Potenzial

Unser Experiment zeigt eindrucksvoll, wie stark KI die Entwicklungsgeschwindigkeit erhöhen kann. Innerhalb kurzer Zeit entstand ein funktionsfähiger Prototyp, der Daten aus SAP beziehen und in einer modernen Oberfläche darstellen konnte. Aufgaben, die traditionell mehrere Entwicklungsschritte erfordern würden, konnten, meiner persönlichen Einschätzung nach, deutlich schneller umgesetzt werden.


Denkt man weiter, scheint diese Art der Software-Entwicklung gerade bei Prototypen, Proof-of-Concepts oder ersten Fachbereichsanwendungen interessante Möglichkeiten mit vielen Vorteilen zu eröffnen. Zu rechnen ist mit…

  • kürzeren Entwicklungszyklen
  • schnellerer Validierung von Ideen
  • geringeren Einstiegshürden für erste Lösungen
  • höherer Innovationsgeschwindigkeit.

Warum Vibe Coding besonders gut zur SAP-Strategie der Zukunft passt

Als wären die oben genannten Vorteile nicht schon Anlass genug, dem Vibe Coding eine Chance zu geben, verdeutlichen die Ergebnisse darüber hinaus auch einen grundsätzlichen Wandel in modernen SAP-Landschaften. Unternehmen verfolgen gerade in Zeiten von SAP S/4HANA Cloud zunehmend eine sogenannte Clean-Core-Strategie. Ziel ist es hier, den SAP-Kern möglichst standardnah zu halten und individuelle Erweiterungen außerhalb des ERP-Systems umzusetzen.

Genau hier entstehen neue Möglichkeiten. Anstatt zusätzliche Funktionen direkt im ERP-System zu entwickeln, können moderne Anwendungen als sogenannte Side-by-Side Extensions aufgebaut werden. Sie greifen über APIs auf SAP-Daten zu, laufen jedoch unabhängig vom eigentlichen ERP-Kern.

Die SAP Business Technology Platform (BTP) bietet dafür die ideale Grundlage. Sie stellt die notwendigen Services für Integration, Entwicklung, Sicherheit und Betrieb bereit und fungiert als Brücke zwischen ERP-System, Geschäftsprozessen und neuen digitalen Innovationen.

Das im Experiment entwickelte Dashboard ist ein gutes Beispiel dafür: Die Geschäftsdaten verbleiben im SAP-System, während die Benutzeroberfläche außerhalb des ERP-Kerns entwickelt wird. Dadurch können moderne User Experiences, KI-Funktionen oder neue Auswertungen deutlich schneller als Prototyp umgesetzt werden, ohne die Upgrade-Fähigkeit des SAP-Systems zu beeinträchtigen.

Wo die Grenzen liegen

Trotz der positiven Ergebnisse zeigte das Experiment auch klar, wo aktuell die Grenzen von Vibe Coding liegen.

  1. Prompt-Qualität entscheidet

Die Qualität der Ergebnisse hängt direkt von der Qualität der Anforderungen ab. Unklare oder unvollständige Vorgaben führen häufig zu unerwarteten Ergebnissen oder Fehlentwicklungen.

  1. Fehleranalyse bleibt anspruchsvoll

Nicht jeder Fehler lässt sich durch einen weiteren, neuen oder angepassten Prompt beheben. In einzelnen Fällen geriet das Modell in Sackgassen und erzeugte wiederholt dieselben fehlerhaften Lösungsansätze. Hier war klassisches technisches Know-how notwendig, um die Ursache zu identifizieren und manuell zu korrigieren.

  1. Sicherheit und Governance

Ein besonders wichtiger Aspekt betrifft die Sicherheit. KI-generierte Anwendungen bringen häufig zusätzliche Bibliotheken und Abhängigkeiten mit, die nicht immer notwendig sind. Dadurch steigen potenziell Wartungsaufwand und Angriffsfläche. Unternehmen sollten gerade hier deshalb klare Vorgaben definieren:

  • Welche Werkzeuge dürfen eingesetzt werden?
  • Welche Daten dürfen verarbeitet werden?
  • Welche Berechtigungen erhalten KI-gestützte Entwicklungsumgebungen?
  • Wie werden generierte Anwendungen geprüft und freigegeben?
  1. Wartbarkeit

KI bevorzugt häufig den schnellsten Weg zum Ergebnis. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass die erzeugte Lösung langfristig wartbar oder skalierbar ist. Saubere Softwarearchitektur, Wiederverwendbarkeit und nachhaltige Entwicklung bleiben weiterhin Aufgaben erfahrener Entwickler:innen und Architekt:innen.

Fazit: Vibe Coding verändert die SAP-Welt, ist jedoch kein Ersatz für echtes Coding-Know-how!

Vibe Coding wird klassische Softwareentwicklung nicht ersetzen. Es verändert jedoch bereits heute die Geschwindigkeit, mit der neue Ideen entstehen und umgesetzt werden können.

Für SAP-Anwender:innen liegt der eigentliche Mehrwert nicht darin, ERP-Systeme vollständig durch KI entwickeln zu lassen. Vielmehr eröffnet sich die Möglichkeit, innovative Erweiterungen, Dashboards und Fachanwendungen deutlich schneller bereitzustellen. Und in Kombination mit einer Clean-Core-Strategie und der SAP Business Technology Platform entsteht ein Ansatz, der Standardisierung und Innovation miteinander verbindet. Unternehmen, die diese Bausteine gezielt kombinieren, schaffen die Grundlage für eine moderne, flexible und zukunftssichere SAP-Landschaft.

 

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